Auszüge aus "Der Kleine Prinz"
von Antoine de Saint-Exupéry

Als ich sechs Jahre alt war, sah ich einmal in einem Buch über den Urwald, das "Erlebte Geschichte" hieß, ein prächtiges Bild. Es stellte eine Riesenschlange dar, wie sie ein Wildtier verschlang.

In dem Buch hieß es: "Die Boas verschlingen ihre Beute als Ganzes, ohne sie zu zerbeißen. Daraufhin können sie sich nicht mehr rühren und schlagen sechs Monate, um zu verdauen."

Ich habe damals viel über die Abenteuer des Dschungels nachgedacht und ich vollendete mit einem Farbstift meine erste Zeichnung. Meine Zeichnung Nr. 1. So sah sie aus:

Ich habe den großen Leuten mein Meisterwerk gezeigt und sie gefragt, ob ihnen meine Zeichnung nicht Angst mache. Sie haben mit geantwortet: Warum sollen wir von einem Hut angst haben?" Meine Zeichnung stellte aber keinen Hut dar. Sie stellte eine Riesenschlange dar, die einen Elefanten verdaut.

..........

Am ersten Abend bin ich also im Sand eingeschlafen, tausend Meilen von jeder bewohnten Gegend entfernt. Ich war viel verlassener als ein Schiffbrüchiger auf einem Floß mitten im Ozean. Ihr könnt euch daher meine Überraschung vorstellen, als bei Tagesanbruch eine seltsame kleine Stimme mich weckte.

"Bitte .... zeichne mir ein Schaf!"

"Wie bitte?"

"Zeichne mir ein Schaf ...."

Ich bin auf die Füße gesprungen, als wäre der Blitz in mich gefahren. Ich habe mir die Augen gerieben und genau hingeschaut. Da sah ich ein kleines, höchste ungewöhnliches Männchen, das mich ernst betrachtete. ....

Ich schaute mir die Erscheinung also mit großen, staunenden Augen an. Vergesst nicht, dass ich mich tausend meilen abseits jeder bewohnten Gegend befand. Auch schien mit mein kleines Männchen nicht verirrt, auch nicht halb tot vor Müdigkeit, Hunger, Durst oder angst. Es machte durchaus nicht den Eindruck eines mitten in der Wüste verlorenen Kindes, tausend Meilen von jeder bewohnten Gegend. Als ich endlich sprechen konnte, sagte ich zu ihm:

"Aber .... was machst denn du da?"

Da wiederholte er ganz sanft, wie eine sehr ernsthafte Sache:

"Bitte .... zeichne mir ein Schaf ...."

Wenn das Geheimnis so eindrucksvoll ist, wagt man nicht zu widersprechen So absurd es mir erschien - tausend Meilen von jeder menschlichen Behausung und in Todesgefahr -, ich zog aus meiner Tasche ein Blatt Papier und eine Füllfeder. Dann aber erinnerte ich mich, dass ich vor allem Geographie, Geschichte, Rechnung und Grammatik studiert hatte, und missmutig sagte ich zu dem Männchen, dass ich nicht zeichnen könne. Es antwortete:

"Das macht nichts. Zeichne mir ein Schaf."

Da ich nie ein Schaf gezeichnet hatte, machte ich ihm eine von den einzigen zwei Zeichnungen, die ich zuwege brachte. Die von der geschlossenen Riesenschlange. Und ich war höchst verblüfft, als ich das Männchen sagen hörte:

"Nein! Nein! Ich will keinen elefanten in einer Riesenschlange. eine Riesenschlange ist sehr gefährlich und ein Elefant braucht viel Platz. Bei mir zu Hause ist wenig Platz. Ich brauche ein Schaf. Zeichne mir ein Schaf."

Also habe ich gezeichnet:

Das Männchen schaute aufmerksam u, dann sagte es:
"Nein! Das ist schon sehr krank. Mach ein anderes."

Ich zeichnete:

Mein Freund lächelte artig und mit Nachsicht:
"Du siehst wohl .... das ist kein Schaf, das ist ein Widder.
Er hat Hörner ...."

Ich machte also meine Zeichnung noch einmal.
Aber sie wurde ebenso abgelehnt wie die vorigen:

"Das ist schon zu alt.
Ich will ein Schaf, das lange lebt."

Mir ging die Geduld aus, es war höchste Zeit, meinen Motor auszubauen,
so kritzelte ich diese Zeichnung da zusammen und knurrte dazu:
"Das ist die Kiste. Das Schaf, das du willst, steckt da drin."

Und ich war höchst überrascht, als ich das Gesicht meines jungen Kritikers aufleuchten sah:
"Das ist ganz so, wie ich es mir gewünscht habe.
Meinst du, dass dieses Schaf viel Grad braucht?

"Warum?"

"Weil bei mir zu Hause alles ganz klein ist ...."

"Es wird bestimmt ausreichen. Ich habe dir ein ganz kleines Schaf geschenkt."

Er neigte den Kopf über die Zeichnung:

"Gar nicht so klein .... aber sieh nur! Es ist eingeschlafen ...."

So machte ich die Bekanntschaft des kleinen Prinzen.